Warum wir lernen müssen, wieder hinzufallen.
- Toni

- 10. Feb.
- 4 Min. Lesezeit
Ich betreibe seit 23 Jahren Parkour.
Seit mehr als 15 Jahren arbeite ich mit Kindern und Jugendlichen in Schulen – in Deutschland, in Europa, aber auch in Asien, unter anderem in Singapur, Japan und China. Und je länger ich das mache, desto klarer wird mir: Ein großes Problem im Bildungssystem ist mangelnde Bewegung. Ein noch viel größeres: die Angst vor Fehlern.
Diese Angst sehe ich jeden Tag. Im Sportunterricht mit Kindern und Jugendlichen. Aber auch in Kursen die ich für Erwachsene gebe. Und sie beginnt oft genau da, wo Bewegung eigentlich befreien sollte.
Fehler machen ist etwas Peinliches geworden
Ich habe unzählige Situationen erlebt, in denen Kinder etwas ausprobieren wollten – und im Moment des Scheiterns ausgelacht wurden. Von Mitschüler:innen. Aber auch indirekt durch ein System, das von Anfang an bewertet: richtig oder falsch, bestanden oder nicht bestanden.
Das Ergebnis ist fatal: Entweder ich kann etwas – oder ich lasse es gleich ganz bleiben.
Besonders deutlich wurde mir das auf meinen Reisen. In Peking zum Beispiel: Als ein Kind im Kurs ganz am Anfang gestürzt ist, wurde nicht gelacht. Aber man spürte sofort diese kollektive Anspannung. Der Blick der anderen Kinder. Die Reaktion der Lehrkraft. Dieses unausgesprochene Gefühl: Das war jetzt falsch. (Das Kind hat sich nicht verletzt, er ist einfach komisch auf eine Matte gefallen)
Genau da habe ich angefangen, bewusst gegenzusteuern. Ich habe dort gelobt, wo der Fehler passiert ist. Nicht, weil etwas perfekt war – sondern weil jemand mutig genug war, es zu versuchen. Und das hat etwas verändert. Spürbar. Im Raum. In den Körpern der Kinder.
Bewegte Bildung ist aus diesen Momenten entstanden
Bewegte Bildung ist kein Zufall. Es ist eine direkte Antwort auf diese Beobachtungen.
Ich habe mich gefragt: Was fehlt Kindern heute wirklich?
Die Antwort war erstaunlich klar: Ein Raum, in dem sie ihren Körper erforschen dürfen, ohne Angst vor Bewertung. Ein Raum, in dem Scheitern dazugehört. Ein Raum, in dem Mut wichtiger ist als Perfektion.
Parkour war für mich der logische Weg dorthin.
Warum Parkour – und nicht „noch eine Trendsportart“?
Ich skate, ich surfe, ich klettere. Ich liebe all diese Sportarten.Aber viele davon sind – gerade im Einstieg – komplex, materialabhängig und objektiv risikoreich. Ein Fehler kann schnell große Folgen haben.
Parkour ist anders.
Parkour beginnt am Boden. Mit dem eigenen Körper. Mit niedrigen Höhen.
Mit kontrollierbaren Bewegungen.
Man kann unglaublich viel lernen, ohne sich in extreme Situationen zu bringen.
Genau deshalb eignet sich Parkour so gut für Schulen.
Und genau deshalb haben wir unser Konzept bewusst aufgebaut:
Schulsporthalle – geschützter Raum, Grundlagen, Körperwahrnehmung
Stadtraum – klare Kanten, Wiederholbarkeit, Verantwortung
Natur – Unebenheit, Achtsamkeit, echtes Einschätzen von Risiko
Viele denken: Beton ist gefährlich, Natur ist weich.In der Praxis ist es oft genau andersherum.
Sicherheit ist mehr als Polster und Matten
In Japan habe ich Sporthallen gesehen, die komplett weich ausgekleidet waren.
Alles gepolstert. Alles „sicher“.
Aber genau das führt zu Problemen.
Wenn Oberflächen nachgeben, verändern sich Bewegungsmuster.Handflächen sinken ein, Handgelenke werden überstreckt, Gelenke werden falsch belastet. Langfristig ist das oft ungesünder als eine stabile, feste Oberfläche.
Das Gleiche sehe ich in Europa:Matten werden immer dicker, immer weicher. Klingt gut – ist es aber nicht unbedingt. Je weicher die Matte, desto mehr sackt man ein. Man knickt schneller um, verliert Spannung, belastet Gelenke falsch.
Manchmal ist „mehr Sicherheit“ genau das Gegenteil von Sicherheit.
Parkour lehrt Risikokompetenz – nicht Risikovermeidung
Bevor wir springen, wird geprüft.Ist der Stein fest?Ist die Kante stabil?Ist der Abstand realistisch – für mich, heute, in diesem Moment?
Von außen sieht es oft aus wie: hopp – fertig. In Wahrheit ist es ein permanentes Einschätzen, Abwägen, Entscheiden.
Und genau das ist eine Fähigkeit, die weit über Sport hinausgeht.
Ich gehe nicht zu 120 % über meine Grenze. Ich gehe zu 101 %.
Ein kleines Stück weiter. Kontrolliert. Bewusst. Eigenverantwortlich.
Dieses Denken begleitet mich bis heute – auch als Geschäftsführer, auch im Alltag. Probleme erstmal selbst angehen. Lösungen ausprobieren. Lernen, nachjustieren. Fragen stellen, nachdem man selbst gedacht hat.
Kinder lernen wieder, aufeinander aufzupassen
Parkour ist kein Teamsport – und funktioniert trotzdem nur gemeinsam.
An einem Spot muss man sich absprechen. Wer ist dran? Wer landet wo? Wer braucht gerade Raum?
Das erinnert viele an Skateparks. Man kennt sich nicht – und trotzdem funktioniert es. Durch Blicke. Gesten. Respekt.
Das ist soziale Kompetenz in Bewegung.
Wenn ein Rad schon zu viel ist
Ein Moment hat mich besonders erschüttert: Ein Lehrer sagte mir, dass Räder erst sehr spät unterrichtet werden – manche Kinder lernen sie gar nicht mehr.
Ich stand vor einer Klasse, in der fast niemand jemals ein Rad probiert hatte. Nicht, weil sie es nicht konnten. Sondern weil sie es nie durften.
Das ist kein motorisches Problem. Das ist ein kulturelles.
Was sagt die Wissenschaft?
Die Forschung spricht hier eine klare Sprache: Studien zur sogenannten „Risky Play“-Theorie (u. a. von Ellen Beate Sandseter) zeigen, dass Kinder, die kontrollierte Risiken erleben dürfen, langfristig:
bessere Körperwahrnehmung entwickeln
weniger schwere Verletzungen haben
selbstbewusster und resilienter sind
Risiken realistischer einschätzen
Risikokompetenz entsteht nicht durch Vermeidung. Sie entsteht durch Erfahrung.
Bewegte Bildung heißt: Vertrauen statt Kontrolle
Ich habe Bewegte Bildung gegründet, weil ich glaube, dass Schule wieder Orte braucht, an denen Kinder mutig sein dürfen. Nicht perfekt. Nicht fehlerfrei. Sondern neugierig, beweglich, wach.
Parkour ist für mich kein Selbstzweck. Es ist ein Werkzeug.
Ein Werkzeug, um Kindern zu zeigen:
Dein Körper kann mehr, als du denkst. Fehler sind kein Versagen – sie sind Information. Und Fallen gehört manchmal dazu, um wieder aufzustehen.
Wenn wir das wieder zulassen, verändern wir mehr als nur den Sportunterricht. Wir verändern Haltung.

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